Radwanderung: Römische Spuren im Landkreis Dillingen a.d.Donau

Mehr als 400 Jahre, von der Eroberung des Alpenvorlandes im Jahre 15 v. Chr. bis zum Abzug der letzten römischen Truppen nach 400 n. Chr., gehörte der heutige Landkreis Dillingen a.d. Donau ganz bzw. teilweise zur Provinz Raetien des Römischen Weltreiches.

 

Römisches Erbe ist auf vielfache Art jetzt noch in unserm Landkreis präsent: etwa in Form von Ortsnamen, wie z. B. bei Steinheim, das als "Heim bei den Steinen" zu deuten ist; gemeint ist ein römisches Landgut, eine villa rustica. Darüber hinaus gibt es eine Fülle an Spuren, von denen wir wichtige bei der heutigen Radrundfahrt kennen lernen werden.

 

Ausgangs- und Endpunkt der heutigen Tour ist der Parkplatz auf dem Sebastiansberg oberhalb von Aislingen. Radfahrer, die mit dem Zug anreisen, können die Rundfahrt auch in Lauingen (Donau) beginnen. Auch in Gundelfingen a.d. Donau ist ein Einstieg möglich.

 

Das Folgende will historisches Hintergrundwissen skizzieren und an den Sehenswürdigkeiten selbst ein Kurzführer sein.

 

Kartengrundlage:Landkreis Dillingen a.d. Donau - Mit dem Rad unterwegs. Maßstab 1:50 000, Ausgabe 1999

 

Streckenführung:Aislingen - Lauingen - Faimingen - Gundelfingen - Gundremmingen - Bürgle - Aislingen

 

Streckenlänge:rund 30 km

 

Höhenunterschied:ca. 70 m

 

Einkehrmöglichkeiten:Siehe oben erwähnte Radwanderkarte

 

Übernachtungsmöglichkeiten:Siehe oben erwähnte Radwanderkarte

 

Aislingen

Im Jahre 15 v. Chr. eroberten die Römer das Alpenvorland. Um 40 n. Chr. wurde zur Sicherung der neuen Reichsgrenze auf dem südlichen Donauufer eine Reihe von Kastellen angelegt.

 

Römisches Erdkastell auf dem Sebastiansberg
Die älteste römische Befestigungsanlage in unserem Landkreis ist das Erdkastell auf dem Sebastiansberg bei Aislingen. Es lag im Bereich der kleineren der beiden mittelalterlichen Befestigungsanlagen , d. h. in jener, auf der heute die 1629/30 erbaute Sebastianskapelle steht.

 

Die Römer hatten es in spättiberianischer Zeit (um 40 n. Chr.) angelegt. Die an strategisch günstiger Stelle angelegte Befestigung war erdumwallt und bis gegen 100 n. Chr. belegt. Das Kastell könnte seiner Größe nach eine "cohors quingenaria equitata" aufgenommen haben, d. h. einen gemischten Verband aus 480 Fußsoldaten (6 "centuriae") und 120 Reitern (4 "turmae"). Durch die mittelalterliche Anlage ist heute obertägig nichts mehr zu erkennen.
Vom Sebastiansberg bietet sich eine großartige Aussicht auf das Donautal. Sie lässt erahnen, warum die Römer gerade hier ihre erste Befestigungsanlage im Kreisgebiet erbaut haben.

 

Donau-Süd-Straße
In Aislingen fahren wir ein kurzes Stück auf der römischen Donau-Süd-Straße, ehe wir rechts nach Lauingen (Donau) abbiegen. Sie verlief von Günzburg (Guntia) am Fuß der Iller-Lech-Platte entlang über Gundremmmingen, Aislingen, Holzheim nach Burghöfe (Summuntorium; Landkreis Donau-Ries), wo sie sich mit der Nord-Süd verlaufenden Via Claudia kreuzte. Die römischen Straßen zeichnen sich, wo möglich, durch einen weitgehend geradlinigen Verlauf aus. Sie wiesen einen festen Bau auf. Der leicht gewölbte Staßenkörper wurde, je nach Lage, teils mit Kiesschüttung und aus Kalksteinpflaster gebaut. Seitlich waren Abflussgräben für das Wasser angelegt.

 

Lauingen (Donau)

Römische Donau-Nord-Straße
In Lauingen erreichen wir die römische Donau-Nord-Straße, die unter der heutigen B 16 liegt. Diese römische Straße orientierte sich am Rand der Hochterrasse.

 

Schimmelturm
Der Unterbau des besteigbaren Schimmelturms (54 m) besteht aus römischen Weißjurakalk-Quadern, die 1457 aus Faimingen (siehe unten) herbeigeholt wurden. In einzelnen Steinen sind noch Löcher für das römische Hebegerät, den Wolf, erkennbar.

 

Heimathaus
Vor dem Heimathaus liegen einige Architekturteile von Faimingen. Darunter befindet sich ein mächtiger, fast eine Tonne schwerer Zinnendeckstein aus Weißjurakalk, der einst die Kastellmauer bekrönt hatte.
Zwei römische Quader weisen stark eingetiefte Fahrrinnen auf. Möglicherweise dienten sie als Einfahrt bei einem der Faiminger Tore.
Im Heimathaus sind eine Reihe von bedeutenden Funden aus Faimingen ausgestellt, so  

 

  • der Torso des "Danubischen Neptuns".
    Die 65 cm hohe Vollplastik aus Weißjuragestein hält mit der linken Hand auf dem angezogenen Oberschenkel ein fischartiges Tier. Sie stammt aus dem 2. Jh. n. Chr. Die Statue unterstreicht die Bedeutung der Donau als Schifffahrtsweg.
  • eine Weiheinschrift für Apollo Grannus von Marcus Ulpius Secundus aus dem 2. Jh. n. Chr.

 

Kath. Stadtpfarrkirche St. Martin
Beim Ostportal des Martinsmünsters ist ein röm. Weihestein für Apollo Grannus als Baustein verwendet worden. Dionysius, der Statthalter der Provinz Raetien, hat ihn zur Regierungszeit von Kaiser Elagabal (218 - 222 n. Chr.) anfertigen lassen. Dieser Kaiser war nach seinem Tod der "damnatio memoriae" verfallen. Aus diesem Grund wurde sein Name in der Zeit seines Nachfolgers auf allen Inschriften im Römischen Weltreich, d. h. auch hier, herausgemeißelt.
Auch der einem Fruchtbarkeitskult dienende Gleitstein, der neben dem Südportal steht, dürfte aus Faimingen stammen.

 

Über die Kastellstraße nach Faimingen
Bei der Bushaltestelle "Kastellstraße/BZU" wurden die Fundamente der östlichen Kastellmauer angeschnitten.

 

Bei Kastellstraße 36: Ein Steingarten im Lärmschutzwall hält die Erinnerung an das nördliche Kastelltor wach.
Auf die westliche Kastellmauermacht eine kleine Bodenwelle aufmerksam.

 

Faimingen

Erst unter Kaiser Vespasian (69 - 79 n. Chr.) wurde die römische Reichsgrenze nördlich der Donau gelegt. Als Nachfolgekastell von Aislingen entstand eine neue Befestigungsanlage nahe der Brenzmündung beim heutigen Faimingen. Das Kastell lag unmittelbar nördlich des späteren Tempels für Apollo Grannus. Die geographische Lage von Faimingen war hierfür geradezu ideal. Dort prallt die Donau erstmals an die 12 m höhere Hochterrasse. Im Süden war es somit natürlich, auch vor Hochwasser, geschützt. Nachdem die römische Nordgrenze um 100 n. Chr. auf die Schwäbische Alb vorgelegt wurde, entwickelte sich Faimingen zu einem römischen Nachschublager.

 

Nach der Anlage des Limes unter Kaiser Hadrian (117 - 138 n. Chr.) übernahm Faimingen die Funktion eines bedeutenden Verkehrsknotenpunktes. Die Nutzung der Donau als Wasserstraße unterstrich diese Bedeutung.

Die stadtähnliche Siedlung (Vicus) wurde zur Zeit der Markomannenkriege (167 - 175 n. Chr.; 178 - 180 n. Chr.) mit einer Holz-Erde-Umwallung umgeben. Sie begriff 33 ha in sich.

 

Infolge der Alamanneneinfälle im Jahre 213 n. Chr. wurde vor der bisherigen Einfriedung eine mit Türmen und Toren versehene 5 m hohe Steinmauer errichtet. Die vorausgegangene Holz-Erde-Umwallung konnte nun eingeebnet werden. Jetzt umfasste das auf diese Art eingefriedete Areal 40 ha. Die spät aufgeführte Mauer lässt erkennen, dass damals die Bedeutung als Wallfahrtsort stärker ausgeprägt war als der militärische Charakter.

 

Die stärker werdende Bedrohung veranlasste den Bau eines Auxiliar-Kastells in der Süd-Ost-Ecke der Umwehrung, das eine Fläche von 5,2 ha einnahm. Zu diesem Bau fanden auch Steinquader vom Tempelheiligtum Verwendung. Durch die kleinere Ausdehnung war es leichter zu verteidigen. Es gehört nach Aalen (6,07 ha) zusammen mit dem gleich großen Kastell von Heidenheim a.d. Brenz zu den größten Hilfstruppenbefestigungen in Raetien.

 

In der Zeit der Alamannenstürme (233 - 259 n. Chr.) diente es den zurückflutenden röm. Truppen als Auffang- und Zufluchtslager. Das Kastell bestand bis in die Zeit um 400 n. Chr. und diente der Sicherung des Donauüberganges. Am Ende des 4. Jahrhunderts scheint es als "Febiana" in der Notitia Dignitatum auf; einem Staatshandbuch, in dem die röm. Kastelle mit ihren Garnisonen aufgeführt werden.

 

Mit Ausgrabungen begann im Jahre 1888 der Faiminger Dorfschullehrer Magnus Scheller. Die letzte Grabungsepoche konnte erst am 23. Juni 1987 mit der Einweihung des archäologischen Freilichtmuseums abgeschlossen werden, dessen Herzstück die Teilrekonstruktion des Apollo Grannus Tempel darstellt.

Zwei bedeutsame Sehenswürdigkeiten können heute in Faimingen besichtigt werden, die jeweils durch Informationstafeln näher erläutert werden:

 

Kastell und Vicus
In der Süd-Ost-Ecke des Kastells ist auf 5 Meter Länge die Kastellmauer mit röm. Bausteinen wieder aufgebaut. Zugleich wird die Bautechnik mit Mauerquadern veranschaulicht. Die mit Hebelöchern versehenen Quader konnten mit einem eisernen Hebegerät, dem Wolf, angehoben werden.
Ein vollständig erhaltener röm. Keller wurde hierher versetzt. Der Zugang erfolgte über eine Holztreppe.

 

Tempel des Apollo Grannus
Die folgenden Bauphasen des Heiligtums konnten nachgewiesen werden:

Grossansicht in neuem Fenster: Tempel des Apollo Grannus 

  • Keltischer Temenos
    Ursprünglich stand hier ein einfacher keltischer Temenos, in dem der Quell- und Badegott Grannus verehrt wurde. Der hl. Bezirk war von einem Flechtwerkzaun umfriedet.
  • ein gallorömischer Umgangstempel
    Dieser auf einem Podium aufgeführte Sakralbau entstand zur Zeit von Kaiser Trajan (98 - 117 n. Chr.). Es war "ein nach keltischem Baumuster aus Holz errichtetes Gotteshaus" (Hasch 1988, S. 72).
  • der Podiumstempel aus der Zeit des Kaisers Antonius Pius (138 - 161 n. Chr.)
    Die jetztige Teilrekonstruktion bezieht sich auf die Zeit um 160 n. Chr. Es handelt sich hier um einen viereckigen Podiumstempel im klassisch-römischen Stil mit einem vorgelagerten Stufenbau. Die fensterlose Cella erhob sich über dem 1,20 m hohen Podium. Dabei ist der Grundriss des Vorgängerbaus übernommen worden. Das Kultusgebäude war von einem Hof umgeben, der seinerseits von einer doppelten Säulenhalle eingerahmt wurde. Die Trennwand dieser Säulenhalle war farbig gehalten. Die Säulen selbst wiesen eine attische Säulenbasis auf. Das Tor zum Heiligtum befand sich auf der Südseite. Das Bauwerk gilt als der größte röm. Tempelbau nördlich der Alpen.

 

Der Kult ist zugleich ein Beispiel für die Verschmelzung mit dem ebenfalls für die Heilkunde zuständigen griechisch-römischen Gott Apollo.

 

Überdies hatte das Heiligtum eine medizinische Bedeutung: Die am Fuß der Hochterrasse austretenden Quellen wurden zu Kultbädern und Trinkkuren genutzt. Das Tempelheiligtum des Apollo Grannus wies ein überregionales Einzugsgebiet auf. Man könnte es, wenn man es auf die heutige Zeit überträgt, als eine Art Mischung zwischen Lourdes und Bad Wörishofen bezeichnen.

Alle nach Faimingen führenden Römerstraßen waren auf dieses Tempelheiligtum ausgerichtet. Sie liefen im Forum zusammen, das sich unmittelbar östlich des Tempels anschloss.

 

Von hieraus verließen sie durch stattliche Steintore Faimingen. Es waren dies die Straße nach Augsburg (Augusta vindelicum), nach Urspring (Ad Lunam), nach Heidenheim (Aquileia), nach Oberdorf am Ipf (Opie) im Landkreis Ostalbkreis und die Donau-Nord-Straße. Phoebiana hat so ein eigenes Straßennetz abseits der Limesverbindungen auf sich gezogen. Dies spricht für die überregionale Bedeutung von Phoebiana.

 

Über Echenbrunn erreichen wir über die ehemals nach Urspring führende Römerstraße Gundelfingen a.d. Donau.

 

Gundelfingen a.d. Donau

Kath. Stadtpfarrkirche St. Martin
Bei Renovierungsarbeiten in der Gundelfinger Stadtpfarrkirche kamen 1981 auch zwei römische Meilensteine aus Weißjura-Kalkstein zum Vorschein. Sie sind jezt in der nördlich angebauten Leonhardskapelle zu sehen.

 

Die ausführliche Titulierung des Kaisers Caracalla (211 - 217 n. Chr.) läßt auf das Jahr 212 schließen, das Jahr, in dem er als alleiniger Kaiser zu herrschen begann. Bedeutsam ist hier die Nennung eines Ortes "Phoebiana" in 3 bzw. 4 Meilen Entfernung. Es ist anzunehmen, dass der Beiname "Phoebus des hier verehrten Gottes Pate bei der Namensgebung für die Siedlung um die Kultstätte des (Phoebus) Apollo Grannus gestanden hat" (Hasch 1990, S. 8). Erst jetzt war Klarheit über den Namen der römischen Siedlung auf dem Gebiet des heutigen Faimingen erlangt. Vorher vermutete man den Namen Ponione bzw. Pontone.
Nähere Auskünfte gibt dort eine Info-Tafel.

 

Auf dem Donau-Radwanderweg erreichen wir Offingen. Von dort touren wir auf dem Radweg nach Gundremmingen, das heute vor allem wegen seines Atomkraftwerkes bekannt ist.

 

Gundremmingen

Kath. Pfarrkirche St. Martin
Außen am Turm sind vier Werkstücke aus Faimingen eingemauert. Darunter auch eine Weiheinschrift. Sie besagt, dass der Opferschauer (haruspex) Iulius Salutaris und seine Gemahlin (coniux) Iulia Iustina diesen Stein dem besten und größten Iupiter (I.O.M.) und allen Göttern und Göttinen (diis deabusque omnibus) geweiht haben.

 

Bürgele (Piniana)
Bürgele war ein Teil der auf die Donaulinie zurückgenommenen spätrömischen Verteidigungslinie. Dieses burgartige Kleinkastell des Sperrriegels zwischen Iller und Donau wurde 335 n. Chr. auf einem Hügelvorsprung begonnen. Es gilt als Musterbeispiel für Anlagen diese Typs. Bereits 383 n. Chr. wurde es bei einem Raubzug der Alamannen zerstört, anschließend aber wieder aufgebaut. Es hatte dann bis zum frühen 5. Jahrhundert Bestand.

 

Faimingen war in dieser Zeit dessen vorgeschobener Stützpunkt.
Eine Informationstafel liefert Erläuterungen über dieses Kleinkastell.

 

Aislingen

An der Tafel der Landkreisgrenze und bei einem Feldkreuz wurde eine römische Straßenstationergraben. Hier querte die nach Augsburg führende Straße die Donau-Süd-Straße. Angesichts des steilen Anstiegs der von Faimingen kommenden Straße auf den Aschberg dürfte sie als Mutatio, d. h. hauptsächlich dem Pferdewechsel, gedient haben.

 

Fotos: Christian Maushart; Georg Wörishofer
Text: Georg Wörishofer

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